Montag, 27. Februar 2012

Die heiße Kartoffel

Wie in einem Spiel werden Opfer von einer Stelle zur anderen weitergeleitet, bis das Problem nicht mehr zu meistern ist. Können wir uns vor dem brennenden Risiko eines Verfahrens schützen?

In meinem Heimatland gibt es ein Spiel, das „die heiße Kartoffel“ heißt. Es besteht darin, dass die Spieler sich gegenseitig ein Objekt – das als „Kartoffel“ bezeichnet wird – zuwerfen, während eine andere Person, die den Lauf der Kartoffel nicht sieht, singt, dass die Kartoffel verbrennen wird. Plötzlich kündigt die Person an, dass die Kartoffel verbrannt ist. Derjenige, in dessen Händen die Kartoffel „verbrennt“, verliert das Spiel.

Etwas Ähnliches ist mir passiert, als ich um Hilfe bezüglich meines Problems mit der Dissertation und den Verfahren gegen meinen ehemaligen Doktorvater gebeten habe. Fast niemand hat Verantwortung übernommen. Alle haben in einem bestimmten Moment gesagt, dass ich mich an eine andere Stelle bzw. Person wenden sollte. Die Professoren sagten, ich solle mit der Gleichstellungsbeauftragten sprechen, die Gleichstellungsbeauftragte leitete mich zu den Professoren weiter und überließ vieles den Strafverfolgungsbehörden. Meine Therapeutin sagte, sie kenne sich nicht aus, ich solle bei einer Opferhilfestelle mein Anliegen ausdrücken. Die Hilfestelle schickte mich zu einem Anwalt. Der Anwalt sagte, ich muss mich an die Uni wenden, um meine Probleme mit der Promotion zu lösen. Resultat: Ich habe extrem viel Zeit verloren, die Promotion verloren, das Strafverfahren war eine Hölle für mich und ich habe auf dem Weg sehr gelitten. Am Ende ist die heiße Kartoffel in meinen Händen verbrannt.

Vor einem Jahr habe ich an einer Umfrage des Projekts „Gender Based Violence, Stalking and Fear of Crime“ teilgenommen. In einer Sektion habe ich Fragen zur Hilfe bei sexueller Belästigung bzw. Nötigung beantwortet. Eine der Fragen war, an welche Hilfequellen ich mich gewandt hatte. Von der langen Liste (Gleichstellungsbeauftragte, Polizei, Therapeut, Selbsthilfegruppe, Professoren u.a.) hatte ich mich an alle gewandt, abgesehen von Seelsorge und Studentenausschuss. Ich habe gedacht, dass die letzten nicht einflussreich genug waren, um mir zu helfen und sie mich eher an andere Stelle schicken würden und die Seelsorge mir nicht bei meinen damaligen konkreten Problemen helfen würde. Deswegen kamen sie für mich nicht in Frage.

Es ist überraschend und gleichzeitig bedenklich, dass ich mich an so viele Hilfestellen gewandt habe und es mir trotzdem so schlecht ergangen ist. Trotzdem will ich nicht ungerecht sein und sagen, dass die ganze Hilfe umsonst war. Beispielsweise war meine Erfahrung mit dem Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen sehr positiv. Aber welche Faktoren haben das schlechte Ende meiner Geschichte beeinflusst? Hier ein paar Überlegungen:

1.- Das Problem der Opfer sexueller Gewalt an Hochschulen ist so schwer und vielseitig, dass die potentiellen Helfer – aus Unkenntnis, Angst vor den Konsequenzen für sich selbst, keine Lust verwickelt zu werden – sich nicht trauen, aktive Hilfe zu leisten und die Opfer lieber zu anderen Stellen bzw. Personen weiterleiten (das Prinzip der heißen Kartoffel).

2.- Langsame Reaktion meinerseits. Natürlich war dies ein Faktor, der direkt zum Misserfolg beigetragen hat. Sicher wäre alles anders gewesen, wenn ich Hilfe direkt nach dem Vorfall geholt hätte. Weniger traumatisch? Ich weiß es nicht. Zumindest hätte ich nicht so viel Zeit verschwendet. Die Hilfestellen drängen darauf, dass die Opfer die Delikte so schnell wie möglich melden und dass sie sofortige Hilfe holen und Spuren sichern, obwohl sie noch nicht wissen, ob sie anzeigen möchten. Was ich mich frage ist, ob alle diese notwendigen Schritte für die Nicht-Betroffenen klar sind. In der Regel beschäftigt man sich nicht mit diesem Thema, bevor etwas passiert ist und dann ist das schon zu spät. Auch nachdem ich mich an die Gleichstellungsbeauftragte gewandt habe, reagierte ich zu langsam und zu ängstlich, weil ich lange Zeit die „Hilfe“ der Uni abgewartet habe, anstatt mich für andere Lösungsmöglichkeiten einzusetzen.

3.- Wahrung institutioneller Interessen. Als ich in Hamburg wohnte, habe ich nie daran gedacht, aber jetzt bin ich überzeugt, dass dies eine wichtige Rolle in meinem Fall spielte. Die Universität Hamburg hat durch verschiedene Akteure die ganze Zeit versucht, mich zum Schweigen zu bringen: Der erste Vorschlag einer Mediation für die fachlichen Probleme der Diss, der zweite Vorschlag, dass ich einen Betreuer in einer anderen Uni suche, ohne den Hintergrund des Problems zu erörtern – was mich zu einer Sackgasse führte und mich praktisch gezwungen hat, andere Leute indirekt zu verwickeln und mich mitverantwortlich für das Geheimnis zu machen – , der Mangel an disziplinarrechtlichen Maßnahmen gegen meinen ehemaligen Doktorvater plus andere Feindlichkeiten gegen mich – der gesperrte Zugang zum Doktorandenkolloquium, die extrem langen Wartezeiten, die Behandlung durch die Professoren, die nicht der Regel an der Uni mit anderen Doktoranden entsprach.

4.- Falschen Leuten an falschen Stellen begegnet. Es gab sehr wenige Personen, die wirklich einen Unterschied in dieser Geschichte hätten ausmachen können. Ich werde meine Beschwerde nicht wiederholen. Warum sie nicht geholfen haben, lässt sich vermutlich wegen der Punkte 1 und 3 erklären. Das Paradox ist, sie haben sich selbst und anderen mehr Ärger verursacht, indem sie mir geschadet haben, was sie hätten vermeiden können, wenn sie von Anfang an ihre Hilfe ausdrücklich abgelehnt hätten.

In anderen Worten, egal wie oft man an verschiedene Stellen weitergeleitet wird, verbrennt die heiße Kartoffel immer in den Händen des Opfers, das nicht nur die Konsequenzen der Tat erleben muss, sondern auch die Konsequenzen schlechter oder mangelnder Hilfeleistungen.

Es ist erstaunlich, wie viel von den Opfern verlangt wird. Sie müssen sich direkt nach der Tat an die Polizei oder an eine Klinik wenden, weil sie Verantwortung tragen, falls es keine Beweise gibt (dieser Hinweis nützt denjenigen Opfern nichts, die genötigt oder belästigt wurden, aber keine Gewaltspuren aufweisen). Sie müssen mit den Löwen der legalen Arena kämpfen, obwohl sie oft nicht in der emotionellen Verfassung dazu sind, was zu falschen Entscheidungen führen kann. Wenn die Sachen schief laufen, werden sie von verschiedenen Personen blamiert. Alle anderen waschen sich die Hände in Unschuld. Der Mythus wiederholt sich: das Opfer ist schuldig.

Den Personen, die in Hilfestellen arbeiten, sollte ihre Verantwortung bewusst sein. Es gibt Leute, die in der richtigen Position sind, um mehr als nur eine kleine Hilfe zu leisten. Wenn sie jedoch diese Verantwortung als zu belastend empfinden und Betroffenen nicht gerne zuhören, denen es schwer fällt, Entscheidungen zu treffen, die sich beschweren, weil es ihnen nicht gut geht und keine Alternativen wagen, die mehr negative Konsequenzen nach sich ziehen könnten, sind diese Personen an den falschen Stellen. Es geht nicht nur darum, ein breites Angebot an Hilfemöglichkeiten zu haben, wie ich in der Liste der Umfrage sehen konnte, sondern auch Qualitätsangebote. In diesem Sinne ist es wichtig, dass wir Opfer bzw. Hilfesuchenden diese Qualität bewerten und über unsere Erfahrungen berichten. So können wir den Hilfestellen einen Schubs geben, damit ihre Angebote die Erwartungen und Bedürfnisse der Opfer erfüllen können.

Kommentare:

  1. Das Problem an Universitäten wird Gegenstand des kommenden FJT sein: http://www.streit-fem.de/media/documents/1327347381.pdf?PHPSESSID=3r0car9ljfittucp97565iaej7
    AG 10

    Heute im ZEIT Magazin erschien ein Artikel, der wieder einmal verdeutlicht, dass die Mächtigen die Oberhand haben: http://www.zeit.de/2012/10/Mandy-Kinderbordell-Sachsensumpf

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  2. Ja, ich kann diesen Beitrag nur vestätigen.

    Die Sache ist doch Folgendes: gerade wir als Opfer an einer Hochschule sind nicht "doof", wir sind in der Lage vieles selbst zu erfassen und zu studieren. Aber trotzdem brauchen wir Fachinfos, und vor allem brauchen wir Einblick in die Struktur. Man muss wissen wie das System funktioniert, und das sage einem keiner.

    Und letztendlich merkt man dann - ich habe das ja jetzt mehrere Jahre durch - dass letztendlich keine Stelle zuständig ist und eigentlich auch keiner Bescheid weiß. Und noch weniger ist man bereit, irgendwelche Konsequenzen zu ziehen.

    Stattdessen werden Opfer zu persona non grata. Wenn die Opfer nicht mehr da sind, dann gibt es ja keine Probleme mehr!

    Wir müssen letztendlich allein zurecht kommen und alleine kämpfen.

    Ich denke, irgendwann mal müssen wir Opfer die Sache selbst in die Hände nehmen - aber dafür müssen wir ja stabil genug dafür sein und die nötige Distanz zum Thema mitbringen. Was Jahre der Verarbeitung braucht.

    Und ganz ehrlich gesagt: ich hätte auch nicht gewußt, wie ich Dir konkret helfen könnte, weil ich nicht gewußt hätte, wie die Leute reagieren würden. Was aus einem Verfahren gemacht wird, hängt ja auch vom Umfeld ab.

    Und ich haben den Eindruck, dass Hamburg sehr täterschützend ist, schon alleine weil Hamburg eine Staatstadt ist und in sich geschlossen. Man kennt sich halt.

    Ich versuche, das System zu verstehen. Und vielleicht etwas Veränderung im System zu bewirken. Aber auch da ist es wie heiße Kartoffeln....

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  3. Wenn Du mit „System“ die akademische Welt meinst, sagt uns natürlich niemand, wie das wirklich funktioniert, vor allem auf der Seite der Professoren und Leitungspersonen. Ich weiß, dass eine andere Geschichte im Hintergrund lief, von der ich keine Ahnung habe. Leider bekommt man den Einblick in die Struktur, wenn man dies erlebt.

    Mit dem Strafverfahren ist es ungefähr gleich. Was man in Filmen gesehen hat oder was man für logisch hält, hat nichts mit der Realität eines Strafverfahrens zu tun. Das sollte jedes Opfer kennen, bevor es entscheidet, diesen Weg zu gehen.

    Für die Uni ist es einfacher, Opfer wegzuschicken, als etwas gegen die Täter zu machen. Je weiter unten man in der Pyramide ist, desto einfacher ist es, uns zu ignorieren. Natürlich hängt ein Verfahren an der Uni von vielen Faktoren ab. Ich habe schon im Blog über den Fall von Bielefeld geschrieben, wo die Reaktion der Uni und der Opferhilfestellen ganz anders als in meinem Fall war, obwohl das Strafverfahren auch eingestellt wurde. Trotzdem denke ich, es wäre für mich nicht schwierig vorauszusehen gewesen, dass ich keine Unterstützung bekommen würde, da mich niemand im deutschen akademischen Umfeld kannte.

    Während ich auf die Hilfe von anderen gewartet habe, habe ich meine schlechtesten Momente der Verzweiflung erlebt. Jetzt da ich weiß, dass kein Deus ex machina kommen wird, habe ich wieder das Gefühl, dass meine Zukunft und meine Heilung in meinen Händen sind. Bis jetzt ist das meistens nur ein Gefühl, weil ich tatsächlich keine großen Schritte zu einer Überwindung der Erfahrung gemacht habe und ich immer noch viele Steine auf dem Weg finde.

    Das System (im juristischen und akademischen Sinne) sollte verändert werden. Am besten wird es geändert, wenn die Initiative intern anfängt, von Leuten, denen dadurch nicht geschadet werden kann. Wenn die Petitionen, Demostrationen und Aktionen immer von außen kommen, ist der Kampf viel schwieriger. Das System hat immer das letzte Wort.

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  4. Ja, das Dilemma ist doch, dass von einem Studenten, der ja zwar noch jung aber doch schon volljährig, "erwachsenes Verhalten" erwartet wird.

    Zum "erwachsenen Verhalten" gehört, dass man auch an Dinge wie Loyalität denkt und dass man ein Problem möglichst unauffällig und unter sich klärt. Man ist doch kein Kindergartenkinder mehr, man läuft nicht mit jedem Problem zur Nanny. Da die Uni auch eine Stelle zum Thema hat, denkt man als Betroffene, dass man zuerst die interne Lösung abwarten soll, und dass die Uni schon intern eine Lösung finden wird. Man muss ja nicht unbedingt den Prof. im Gefängnis wissen, man möchte nur, dass man in Ruhe zu Ende studieren kann und dass er sowas nicht wieder tut.

    Irgendwann mal merkt mann, dass genau das aber der falsche Weg war. Man hätte gleich alle in Bewegung setzen müssen, einschließlich Anwalt und Polizei. Man hätte gleich alle offiziell machen müssen, um Chancen zu haben.

    Aber was wäre dann passiert? Dann ist man auch die Doofe.

    Denn auf das Strafverfahren kann man auch nicht verlassen. Das Gesetz ist nicht so, wie ein juristischer Laie darunter vorstellt. Und selbst Fachberatungsstellen kennen sich da nicht aus. Was offiziell passieren soll, ist nicht, was inoffiziell passiert - das hat Vor- und Nachteile.

    Man sagt z.B. dass Vergewaltigung ein Offizialdelikt ist, und dass die Polizei jedenfalls ermittelt wird, und dass man nach einer Anzeige kein Zurück mehr gibt. Dass die Polizei ermitteln muss, ist zwar richtig, und dass es kein Zurück mehr gibt auch. Mir hatte aber keiner gesagt, dass man inoffiziell auch die Möglichkeit hat, nicht auszusagen (mit der Konsequenz, dass das Verfahren eingestellt wird). Und überhaupt, dass die Polizei und die Staatsanwaltschaft so zurückhaltend bei der Ermittlung sind, das hatte ich auch nicht gedacht.

    Betroffene brauchen realitische Infos, nicht die offiziellen, politisch korrekten Infos.

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  5. „Man muss ja nicht unbedingt den Prof. im Gefängnis wissen, man möchte nur, dass man in Ruhe zu Ende studieren kann und dass er sowas nicht wieder tut.“

    Dies ist genau der Punkt. Ich wollte nicht strafrechtlich gegen den Professor vorgehen, weil ich mir keine weiteren Probleme wünschte und davon ausging, dass die Beweise für eine Verurteilung nicht ausreichen würden. Ich wollte nur mit einer objektiven Betreuung meine Promotion fortsetzen und mit diesem Professor nichts mehr zu tun haben. Komischerweise ist das Gegenteil passiert. Niemand wollte mich betreuen, die Türen der Hamburger Promotion wurden für mich geschlossen und durch das Strafverfahren war ich noch mit dem Professor verbunden.

    Eine Mitarbeiterin des Notrufs in Hamburg hat mir doch gesagt, es gäbe die Möglichkeit nicht auszusagen, als die Strafanzeige ohne meine Zustimmung erstattet wurde. Aber dann hat mir der erste Anwalt davon abgeraten, denn eine Aussageverweigerung würde gegen meine Glaubwürdigkeit sprechen. Dann habe ich auch gehört, dass man als Opfer zur Aussage durch eine Ladung der Staatsanwaltschaft „gezwungen“ werden könnte und im Disziplinarverfahren auch. Jetzt denke ich, dass niemand sich bemüht hätte, eine Aussage von mir zu verlangen. Ich hatte mir auch nicht vorgestellt, dass die Polizei und die Staatsanwaltschaft so zurückhaltend bei der Ermittlung sind, wie Du schreibst. Wenn das Strafverfahren sowieso eingestellt wird, wäre es nicht besser gewesen, nicht auszusagen? Hätte ich nicht weniger gelitten so?

    „Irgendwann mal merkt mann, dass genau das aber der falsche Weg war. Man hätte gleich alles in Bewegung setzen müssen, einschließlich Anwalt und Polizei. Man hätte gleich alles offiziell machen müssen, um Chancen zu haben.“

    Das stimmt auch. Vor allem hätte man alles direkt nach der Tat machen sollen, um Chancen zu haben. In der letzten Zeit neige ich dazu, Folgendes zu denken: Wenn man das Delikt nicht direkt meldet, sollte man es erst machen, wenn es keine Konsequenzen nach sich ziehen kann. Ansonsten bringt das nur Leiden, Energie-, Geld- und Zeitverschwendung.

    Auf jeden Fall frage ich mich, warum die Uni eine Stelle hat, um solche Fälle zu behandeln, wenn man da wirklich keine realistischen Informationen erhält und im akademischen Sinne nicht nachvollziehbare Lösungen angeboten werden. Sind solche Stellen ein Instrument der Vertuschung und der Wahrung akademischer Interessen (z.B. zum Vermeiden, dass Betroffene sich direkt an die Polizei wenden)? Sind sie nur Stellen, die auf der Webseite der Uni gut aussehen, damit die Öffentlichkeit denkt, dass man sich um die Problematik kümmert? Ehrlich gesagt, finde ich die Stellungnahme in meinem Heimatland fast besser. Keinem Betroffenen wird seitens der Uni geholfen. So weiß man von Anfang an, dass man mit akademischer Hilfe nicht rechnen kann und sich andere Alternativen überlegen muss.

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  6. warum sollte es eigentlich opfern an einer uni anders ergehen, als denen außerhalb dieser einrichtung?
    beruflich habe ich immer wieder mit klienten zu tun gehabt, die die folgen eines traumas in die seelische erkrankung gebracht haben. wenn sie über ihren leidensweg auf der suche nach hilfe berichteten, habe ich ihnen nicht geglaubt. ich kannte die konzepte der hilfeinstitutionen, kannte deren präsentation...und danach war das, was meine klienten mir berichteten, schlechterdings unmöglich. das blieb so, bis meine tochter von meinem nachbarn missbraucht wurde.....heute kann ich mich bei meinen klienten nur entschuldigen für meinen unglauben. ich habe gelernt, keinem konzept, keinem programm und keiner institution mehr zu vertrauen, bevor ich nicht realiter erlebt habe, dass die theorie mit der praxis übereinstimmt.

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  7. Diese Situation - die seelischen Folgen, die mangelnde Hilfe, die schwere Überwindung des Traumas - haben alle Opfer gemeinsam. In Bildungseinrichtungen hofft man, dass andere Personen auch Verantwortung übernehmen, weil die Tat im Rahmen dieser Einrichtung stattgefunden hat und die Verhältnisse, die da bestehen, mit ihren Bedingungen zu tun haben. In meinem aktuellen Wohnort merke ich, dass die Diskussion um sexualisierte Gewalt eher in die Richtung häusliche Gewalt geht. Dann frage ich mich: Bedeutet dies, dass die Leute es "einfacher" finden, Opfern zu helfen, die in der Privatsphäre etwas erlebt haben, weil man in allen anderen Einrichtungen weitere Hindernisse findet?

    Egal in welcher Situation die Tat stattfgefunden hat, braucht man Hilfe und Unterstützung. Es ist unmöglich, über das Erlebte hinwegzukommen, ohne jemand der neben uns steht. Außerdem braucht man die fachliche Hilfe für die Informationen über Verfahren, Vorgehen bei anderen Problemen, die aufgrund der Tat entstehen usw.

    Es tut mir wirklich leid, was Deiner Tochter angetan wurde. Für fast alle Personen ist es schwer zu fassen, wie man bei Sexualdelikten leidet, bevor man das selbst oder nah erlebt, und vor allem, dass es so viele Hilfestellen gibt, aber wir Betroffenen die Hilfe als nicht ausreichend empfinden oder dass sie unsere Probleme sogar verschlechtern können - bspw. bei unerwünschten Strafverfahren.

    Die Gesellschaft muss sich bewusst sein, dass es hier ein großes Problem gibt, ohne dass es immer mehr Betroffene gibt. Ich lege auch den Personen, die in Hilfestellen arbeiten ans Herz, dass sie über ihre Leistungen nachdenken, unabhängig von PR-Kampagnen und Anträge auf finanziellen Förderungen. Wie kann Opfern besser geholfen werden? Was kann man tun? Sind die Personen, die sich an uns wenden, wirklich zufrieden? Wenn nicht, wieso?

    Ich danke Dir, dass Du unsere Gedanken mit uns teilst und wünsche Dir und Deiner Tochter viel Kraft und einen Weg der Verarbeitung.

    LG Lucrezia

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  8. Ich denke ähnlich wie Du. Anzeige entweder direkt nach der Tat mit allen Folgen und Konsequenzen, oder erst nachdem man selbst an der Uni eine Stelle hat und dadurch geschützter ist oder nachdem man das Studium beendet hat und weg von der Uni ist.

    Die Stelle an der Uni ist einfach auch nicht geeignet, um Dinge wie Vergewaltigung zu bearbeiten.

    Die Gleichstellungsstelle befasst sich eher mit Dinge wie Frauenquote, Etat-Beschaffung für gender Studies, Kinderbetreuung an der Uni usw. Das hat mit Gewalt nichts zu tun.

    Die Stelle gegen sexuelle Gewalt beschäftigt sich eher mit kleineren Übergriffen wie anzügliche Bemerkungen, Nacktbilder im Büro, Begrapschen. Das Lösungkonzept - Mediation - hilft aber bei gravierenden Übergriffen und Vorwürfen wie Vergewaltigung gar nicht mehr, da gibt es nichts mehr zu besprechen.

    Tja, und was soll das Opfer da machen? Im Grunde genommen kann man sich nur entschuldigen, dass man so schwierig ist und so ein Anliegen überhaupt geäußert hat....

    Was ich schade finde, ist, dass die Unis ja eigentlich dazu da sind, innovative Konzepte für die Gesellschaft zu entwickeln. Alle Fachleute sind ja da. Juristen, Psychologen, Mediziner, Sexualwissenschaftler, Soziologen, Kriminologen usw.. Die Hamburger Uni ist am Projekt beteiligt, Konzepte gegen Kindesmissbrauch in Institutionen zu entwickeln. Die Hamburger Uni hat die Abteilung Legal Gender Studies.

    Aber gegen Übergriffe im eigenen Haus können und wollen die Verantwortlichen nichts tun, sondern die Vorfälle werden einfach vertuscht.

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  9. Etwas, was ich mit Sorge bemerke, ist die Entfernung zwischen der akademischen Welt und dem Rest der Gesellschaft. In vielen Fachbereichen sind die Leistungen der Forschungen nur theoretisch. In anderen braucht man so lange, um die Forschungen zu machen und nachher die Resultate zu publizieren, dass vieles in der Zwischenzeit nicht mehr aktuell ist. Die Forschungen werden in Fachtagungen besprochen, wo nur Professoren und ihre Studenten teilnehmen, und in Zeitschriften veröffentlicht, die man nur in Universitätsbibliotheken oder durch teure Abonnements lesen kann. Das Ideale wäre, wenn die Universitäten mit anderen Institutionen zusammenarbeiten würden, die praxisbezogener sind. So könnte man etwas beitragen, damit das Erforschte auch Wirkung in der Gesellschaft hat.

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  10. Hallo Lucrezia,
    achte bitte auf den 21, zum Abend und am 22. August den ganzen Tag, weiß die Zeit noch nicht...ist aber sicher zu den Nachrichten oder in öffentlich rechtlichen Programmen. Ich hab die Mailadresse verlegt oder so. Zum 21. am Vormittag Daumen halten und alles was Du hast. Gruß ...

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  11. Hallo, ich würde gerne wissen, weswegen ich die Daumen halten sollte. Wer mir schreiben will, kann es jederzeit an die E-Mail-Adresse stimmelucrezia[at]gmail.com tun.

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