Freitag, 25. März 2011

Zehn Mythen über sexuelle Belästigung und Gewalt an Hochschulen

Nicht alles ist schwarz oder weiß bezüglich sexueller Gewalt an Hochschulen

Die Fälle sexueller Gewalt an Hochschulen werfen viele Fragen auf, insbesondere inwieweit eine Studentin wirklich Opfer eines Universitätsprofessors sein kann und wie weit sie für ihr Problem Verantwortung trägt. Einige der nachfolgend erwähnten Mythen überlappen sich mit den sogenannten Vergewaltigungsmythen, wobei sie hier aber ausschließlich auf die Hochschulsituation angewandt werden.

1.- Ein Professor weiß, was er zu verlieren hat und würde nie das Risiko eingehen, eine Studentin zu belästigen, zu nötigen oder zu vergewaltigen.

Ein Professor weiß auch, dass Sexualdelikte sehr schwer zu beweisen sind. Da solche Vorfälle fast nie in der Öffentlichkeit passieren, steht immer Aussage gegen Aussage. Die Professoren, die so etwas machen, bringen die Studentinnen dazu, nichts gegen sie zu machen, indem sie ihnen Schuldgefühle einreden und mit verschiedenen akademischen Nachteilen drohen. Die „auserwählten“ Studentinnen haben Merkmale, die sie anfälliger oder schwächer in solchen Situationen machen. Der Professor vermutet, sie werden sich nicht trauen, etwas zu erzählen. Außerdem ist im Allgemeinen ein Professor immer glaubwürdiger als ein Student.

2.- Es gibt keine belästigenden Professoren, sondern Studentinnen, die Professoren verfolgen. Wenn sie ihr Ziel nicht erreichen, beschuldigen sie ihn wegen Nötigung oder Vergewaltigung.

Hier haben wir das Stereotyp der rachsüchtigen Frau, die es nicht akzeptieren kann, von einem Mann – in diesem Fall einem Professor – abgelehnt zu werden. Ich könnte viel über die Sinnlosigkeit einer falschen Anschuldigung schreiben. Natürlich ist es möglich, dass eine Studentin sich in einen Professor verliebt, aber wer will die Tortur eines Strafverfahrens nur wegen einer Rache durchstehen? Es ist so riskant, es bringt so viele Konsequenzen für die Studentin, man wird so schlecht von verschiedenen Leuten behandelt, es erweckt so viele Vorwürfe und Vorurteile der Anderen. Man kann auch die Klagen wegen falscher Verdächtigung oder Verleumdung sowie Ausgaben und Bemühungen wegen anwaltlicher Vertretung nicht ignorieren. Dass die Opfer oft beschimpft und zu Täterinnen oder Rufmörderinnen reduziert werden, weiß jeder, der eine Zeitung öffnet und einen Bericht über eine Ermittlung wegen Vergewaltigung liest. Kann eine Studentin sich so krankhaft verhalten?

3.- Die Studentin hat mit ihrer Kleidung oder mit ihrem Verhalten den Professor provoziert.

Dies ist die Hochschulversion des Mythos der Frau, die ihren Vergewaltiger provoziert, was bedeuten würde, dass sie vergewaltigt werden möchte. Im Fall der Studentinnen denkt man: ansonsten würde sie keine „aufreizende“ Kleidung tragen oder mit dem Professor etwas trinken oder Mittagessen gehen. Was als aufreizend angesehen wird, ist allerdings ganz subjektiv. Der Kleidungsstil ist aber keine Einladung zum Sex. Eine freundschaftliche Beziehung zu einem Professor oder außeruniversitäre Treffen sind kein Freibrief für den Professor, sich weiteres zu erlauben.

4.- Die Studentinnen wollen Beziehungen zu den Professoren haben, um Privilegien zu erhalten (Stellen an der Uni, bessere Noten u.ä.).

Ich verneine nicht, dass dies existiert. Als Beispiel haben wir die mitangeklagte Studentin im Fall des Juraprofessors der Universität Hannover. Ich denke aber, dies ist ein Teufelskreis: eine Studentin, die so etwas versucht, vermutet, dass der Professor bestechlich ist und dass die Vetternwirtschaft an der Uni eine Rolle spielt. Wenn der Professor nicht bestechlich wäre und die Studenten zurückweisen würde, würde sie sich lächerlich fühlen und so etwas nie wieder machen. Da der Professor die größte Verantwortung trägt, kann er eine solche Situation vermeiden.

5.- Ein wahres Opfer würde das Delikt direkt nach der Tat melden und nicht lange warten.

Die Gründe eines Opfers, ein Sexualdelikt nicht direkt nach dem Vorfall anzuzeigen, sind zahlreich: Angst; Scham- und Schuldgefühle; Einsamkeit; Hoffnung, dies werde nicht wieder passieren; mangelnde Unterstützung durch den Familien- und Freundeskreis; Unkenntnis und Ungewissheit über das, was nach einer Strafanzeige passieren wird und wie eine polizeiliche Ermittlung ist u.a. Der Grund, das Delikt nach einer langen Zeit doch zu melden ist fast immer derselbe: Etwas passiert nachher, was das Opfer zu dieser Entscheidung zwingt. Weitere Vorfälle bzw. Drohungen des Täters machen dem Opfer klar, dass es keinen anderen Ausweg gibt, um eine erniedrigende Situation zu stoppen.

6.- Ein wahres Opfer würde nach der Tat weiteren Kontakt zum Professor vermeiden.

Diejenigen, die das denken, stellen sich nicht die Frage: Kann man weiteren Kontakt zum Professor vermeiden? In allen Fällen, die mir bekannt sind, ist der Professor nicht irgendein Professor der Uni, sondern ein Betreuer der Abschlussarbeit, Lehrstuhlinhaber und / oder Chef der Studentin. Die Betroffene kann nicht einfach den Kontakt vermeiden, auch wenn sie sich das wünscht. Dies zeigt der Fall der Uni Konstanz, wo die Studentin nach der Belästigung durch ihren Doktorvater nicht zum Arbeitsplatz gehen wollte, worauf er ihr aber mit akademischen Nachteilen gedroht hat, falls sie nicht zurückgehen würde. Ein solches Abhängigkeitsverhältnis lässt sich oft nur mit einem Studienabbruch beenden. Es ist aber sehr ungerecht, ein Studium abbrechen zu müssen, nur weil man Opfer einer Missbrauchssituation geworden ist. Auch falls man dazu bereit wäre, gibt es häufig mehrere Umstände, die verhindern, dass man das Studium einfach so abbrechen kann.

7.- Wenn eine Studentin Opfer eines sexuellen Delikts durch einen Hochschullehrer wäre, würde sie sich nicht an die Gleichstellungsbeauftragte oder an eine andere universitäre Einrichtung wenden, sondern an die Polizei.

Man braucht viel Mut, um zur Polizei zu gehen. Wenn so etwas mit einem Professor passiert, hat das Problem eine rechtliche sowie eine akademische Dimension. Die Gleichstellungsbeauftragten der Universitäten scheinen als die Figuren, die beide Seiten des Problems betrachten und behandeln können. Im Fall der Uni Hannover im Jahr 2004 haben die betroffenen Studentinnen sich zuerst an sie gewandt. Auch im anderen Fall der Uni Hannover (2007-2008) haben die Meldungen der Belästigungen des Juraprofessors bei der Gleichstellungsbeauftragten eine wichtige Rolle gespielt.

8.- Die Wiederholungsopfer sind keine Opfer.

Wenn eine Person ein Wiederholungstäter ist, gibt es keine Zweifel an ihrer Schuld. Paradoxerweise wird einer Frau, die mehrmals Opfer sexueller Delikte oder mehrmals Opfer bei demselben Täter war, eher nicht geglaubt, ein Opfer zu sein. Was macht sie, damit ihr immer wieder dasselbe passiert? Deswegen wird interpretiert: entweder lügt sie zwanghaft über inexistente Vorfälle oder sie kann keine Grenzen setzen. Die Erfahrung zeigt Folgendes: viele Opfer werden mehrmals Opfer aufgrund der zerstörerischen Erfahrung, die sie schwächer macht. Alles wird mit Scham, Schuldgefühlen und den negativen Botschaften der Täter kombiniert, was dazu führt, dass sie sich im Laufe der Zeit noch weniger trauen, etwas dagegen zu machen.

9.- Sexuelle Gewalt an Hochschulen ist eine Erfindung von Gleichstellungsbeauftragten und Feministinnen.

Man verdankt dem Feminismus das Bewusstsein bezüglich vieler Situationen, die erniedrigend für Frauen sind sowie den Kampf gegen die Vorurteile, die so viele Opfer verletzt haben und ihre Situation unerträglich machten. Dies bedeutet nicht, dass Feministinnen oder Gleichstellungsbeauftragte sexuelle Gewalt „erfunden“ haben oder mehrere Frauen überzeugt haben, dass sie Opfer sind, wenn dies nicht stimmt oder dass sie normale Situationen zu Delikten umgedeutet haben. Ihre Rolle hat zum Bewusstsein über die Situation beigetragen.

10.- An der Uni sind alle erwachsen und wissen, was sie tun.

Alle Studenten sind eigentlich schon Erwachsene, aber sie stehen in einem Abhängigkeitsverhältnis zu den Professoren. Sie sind nicht in einer gleichwertigen Position. Die Professoren sind oft viel älter und erfahrener als die Studentinnen und sich ihrer Macht und Stellung bewusster. Die Formen, wie ein Professor einem Studenten schaden kann sind vielfältig. Je höher die akademische Stufe, desto größer kann der Schaden werden (z.B. bei Doktoranden). Dies erklärt auch die mangelnde oder ziemlich passive Gegenwehr der Studentinnen, die Opfer sexueller Gewalt sind. Als Beispiel haben wir den Fall der Doktorandin der Uni Hohenheim, die trotz ihrem schwarzen Gürtel im Judo nichts gegen den Professor gemacht hat und die Tat über sich ergehen ließ.

Ich könnte diese Liste länger machen und auch über die Merkmale schreiben, die ein Opfer weniger glaubwürdig machen. Die Studentinnen, die nicht so fleißig sind, sind verdächtig – weil man denkt, sie brauchen unbedingt eine gute Note oder weitere Privilegien. Die ausgezeichneten Studentinnen sind auch verdächtig, weil man denkt, sie würden alles für eine gute Note tun und einen Summa-cum-laude-Abschluss nicht riskieren. Ausländerinnen gehören auch zur Verdachtsgruppe sowie Frauen, die unter psychischen Krankheiten leiden oder viele Freunde hatten usw. Man kann alle Mythen in einem zusammenfassen: Sexuelle Gewalt an Hochschulen existiert nicht und diejenigen, die dies behaupten, lügen, übertreiben oder können die Wirklichkeit nicht wahrnehmen.

Die Mythen über das Thema verstecken die Schwere des Problems und entsprechen dem Bedürfnis der Gesellschaft – wie bei jeder kriminellen Tat – sich „sicher“ zu fühlen. Zu denken, dass jeder Professor seine Macht missbrauchen kann, würde die Uni zu einem bedrohlichen, gefährlichen Ort machen. Dies würde bedeuten, jede Studentin könnte Opfer einer solchen Tat werden. Die Fälle sexueller Gewalt an Hochschulen als seltene Einzelfälle zu betrachten, ist vergleichbar mit der Aussortierung von schwarzen Schafen, d.h. wenn diese weg sind, ist vordergründig wieder alles in Ordnung und der Frieden kehrt an die Institution zurück. Die Opfer werden nicht gemocht, weil sie aufzeigen, was in der Gesellschaft falsch läuft.

Es ist einfacher für die Institutionen und für die Gesellschaft, das Problem zu verneinen. Wenn es nicht existiert, muss man sich nicht bemühen, eine Lösung zu finden. Sobald wir akzeptieren, dass diese Vorfälle doch passieren, können wir anfangen, der Problematik vorzubeugen und den Opfern zu helfen.

Kommentare:

  1. super artikel! grade habe ich den taz artikel zu BIelefeld gelesen (http://www.taz.de/1/leben/alltag/artikel/1/vergewaltigung-oder-rufmord/)
    und da tut doch eine seite wie diese wirklich gut, die einfach mal die mythen als solche benennt. ich wünschte das würde die justiz in solchen fällen auch mal bedenken...

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  2. Vielen Dank Agatha! Ich habe den Artikel auf dem Facebook-Konto des Blogs geteilt.

    Nach meiner Erfahrung mit der Justiz habe ich bemerkt, dass ihre Ansicht sehr quadratisch ist. Man denkt nicht an die besondere Situation des Abhängigkeitsverhältnisses zwischen Professoren und Studenten und an die zahlreichen akademischen und beruflichen Nachteile, die wir haben können, wenn wir uns wehren. Hingegen denkt man: „Die Studentin hätte das Studium abbrechen oder den Betreuer wechseln können“, als ob das so einfach wäre. Das Rechtssystem benutzt oft diese Mythen, um die Beschuldigten zu entlasten. Dies bedeutet, der Kampf um die Rechte von Betroffenen sexueller Belästigung und Gewalt an Hochschulen ist auch ein Kampf um die Änderung einer ganz bestimmten und verbreiteten Mentalität in Bezug auf dieses Thema. Gar nicht einfach...

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  3. ....das Problem ist nicht nur die Justiz, denn auch in der Gesellschaft sind diese Vorurteile stark aktiv.
    Ich (Bielefeld) wurde oft damit konfrontiert, kurz nachdem ich meine Anzeige geschaltet hatte, sagte eine Verwaltungsmitarbeiterin zu einer anderen: "Die läuft ja immer noch mit einem kurzem Rock herum."

    Ein Professor sagte: "Sie wusste doch, dass der triebhaft ist, da hätte sie sich doch etwas Anderes anziehen können".

    Und: in den Aktenunterlagen steht bei mir auch: sie ist nicht suizidgefährdet und erscheint gepflegt und modisch gekleidet.

    Und da hab ich mich immer gefragt, wie die Justiz das interpretiert, wenn man verwahrlost zur Vernehmung erscheint und versucht, sich umzubringen. ISt das dann glaubhafter? Wohl kaum, denn dann würde man sagen, sie sei doch nicht ganz dicht.

    Also: ich habe das Gefühl, dass es relativ egal ist, was man anzieht, wie man sich gibt, denn letztlich wird man immer so interpretieren können wie man dies möchte.
    Die Metaphorik von schwarz und weiß gefällt mir sehr gut, doch ich gebe auch zu, dass hier drin das Problem liegt, denn einem Opfer würde es helfen, wenn es auch grau, bzw. besser noch dunkelgrau, gäbe.

    Besser eine mildere Strafe, aber dann doch eine. Strafrechtlich ist es sehr schwierig, aber im Falle von Professoren gibt es ja die Disziplinarstrafe und das wär doch dann vielleicht mittelgrau bis dunkelgrau.

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  4. @Bielefelderin

    Die Vorurteile der Gesellschaft werden von der Justiz bestätigt. Wenn eine Studentin von einem Vorfall sexueller Gewalt durch einen Professor erzählt, wird sie zumindest eine von diesen Mythen hören. Wenn es ein Strafverfahren gegen den Professor gibt und dieses eingestellt wird, führt dies zur Verstärkung der Mythen. Dann denken alle, „das war nicht so schlimm“ oder „sie war kein wahres Opfer“.

    Die Disziplinarstrafe muss von der Uni ausgehen und wenn die Unileitung denkt, dass dies Kavaliersdelikte sind oder alles in den Händen der Justiz lässt und keine Verantwortung übernimmt, dann wird es keine disziplinarrechtliche Strafe geben. Denkst Du nicht, dass die Professoren auch an diese Mythen glauben?

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  5. Natürlich wissen sie das, denn sie sind ja durch ihren Status täglich in ihrer Macht bestärkt. Mit Sicherheit werden viele der Professoren narzisstisch sein und das Gefühl, das man ihre Macht in Frage stellt, nicht kennen.

    In Deutschland ist ein Titel heilig, vielleicht wäre das Ganze anders gelaufen, wenn auch ich schon den Dr-Titel gehabt hätte, doch das Problem lag ja gerade darin, dass ich ihn nie auf normalem Wege bekommen konnte, sondern Sex als Tausch hätte geben müssen.

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  6. Von Bielefelderin am 12. Mai 2011 08:47 unter "Die Stimme des Opfers" eingestellt:

    Natürlich wissen sie das, denn sie sind ja durch ihren Status täglich in ihrer Macht bestärkt. Mit Sicherheit werden viele der Professoren narzisstisch sein und das Gefühl, das man ihre Macht in Frage stellt, nicht kennen.

    In Deutschland ist ein Titel heilig, vielleicht wäre das Ganze anders gelaufen, wenn auch ich schon den Dr-Titel gehabt hätte, doch das Problem lag ja gerade darin, dass ich ihn nie auf normalem Wege bekommen konnte, sondern Sex als Tausch hätte geben müssen.

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  7. Hallo Lucrezia,

    vielen Dank für Deinen Artikel, der mir sehr hilft und Mut macht. Gerade der Punkt, warum denn dann nicht früher etwas gesagt wird und die damit verbundene Unglaubwürdigkeit, machen mir gerade serh zu schaffen. Bei mir ist es so, dass mein Doktorvater mich schon über längere Zeit zur Verabschiedung umarmt hat. Ich fand das immer komisch und unpassend für ein Doktorvater-Doktorandinnen-Verhältniss, wusste mir aber auch nicht recht zu helfen. Denn wirklich etwas passiert, war ja nicht. Das ganze hat sich in den letzten Monaten gesteigert, ein Kuss auf die Wange, eine "versehentliche" Hand auf dem Po, ein ebenso "versehentlicher" Busenstreifer beim Umarmen usw. Gegen all das habe ich mich dann auch sofort gewehrt und deutlich "nein" gesagt. Daraufhin hat er es dann als Versehen abgetan, ich würde doch nicht meinen, dass er so etwas bewusst machen würde, das wäre ja auch sehr heikel, wie schnell würde man als Mann sexueller Belästigung beschuldigt. Das wäre alles one Hintergedanken und unabsichtlich passiert. Ich habe das dann erst mal so akzeptiert und gehofft, dass es nicht wieder vorkommt. Nach diesen Vorfällen war dann auch für einige Male Ruhe, es blieb beim "freundschaftlichen" Umarmen, manchmal wurde auch das unterlassen. Vor ein paar Tagen exkalierte die Situation dann, indem er mich aufforderte vor der Umarmung meine Jacke auszuziehen, was ich verweigerte. Daraufhin griff er mir unter den Blazer und unter die Weste, die ich darunter trug, und wollte mir beides ausziehen. Ich stieß ihn weg und sagte wieder "nein" und verabschiedete mich. Für mich ist das jetzt eindeutig kein Versehen mehr, sondern zweideutige Absicht. Im anschließenden Kolloqium zerris er dann meinen Dissertationsauszug, den ich an dem Tag vorstellen musste. Im Einzelgespräch bei ihm im Büro und vor dem Vorfall war noch alles gut und konnte so bleiben. Ich bin daraufhin total zusammengebrochen und verbal recht heftig geworden, dass ich es nicht richtig fände, dass er erst alles als gut bewertet und jetzt sei mein Auszug voller Mängel und unverständlich. Ich hätte es faier gefunden, mir das von Anfang an zu sagen. Von dem Vorfall habe ich nichts gesagt, aber ich vermute, das war seine Rache für meine Weigerung, meine Jacke auszuziehen. Nach einigem Hin und Her wurde die Besprechung abgebrochen, er wollte mich dann dazu drängen, dazubleiben, um das Ganze zu bereden, doch ich bin gegangen. Ich konnte nicht mehr und wollte mir nicht auch noch die Blöße geben, vor allen zu weinen. Um ein Gespräch mit ihm werde ich nicht drumherum gekommen. Allerdings weiß ich gerade überhaupt nicht, was ich ihm sagen soll. Ich tendiere dazu, den DV zu wechseln und habe inzwischen auch einem Freund, der auch an meiner Uni promoviert, aber bei jemand anderem, davon erzählt. Er rät mir dringend zu einem Wechsel. Ich werde dazu mit seinem Doktorvater und einer anderen Professor das - erst mal unverbindliche - Gespräch suchen, denn diese beiden sind halbwegs auf dem Thema bewandert, worüber ich promoviere, kennen meinen DV, sind ihm aber recht kritisch gegenüber eingestellt. Er ist isngesamt eher als link verschrien. Nun verstehe ich auch, warum. Obwohl mir recht klar ist, wie ich nun weiter verfahren will, fühle ich mich auch sehr unsicher, leer, habe Angst. Deshalb wäre ich für ein paar Meinungen sehr dankbar.

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  8. Liebe anonyme Leserin,

    es freut mich, dass mein Post Dir gefallen hat und Du ihn hilfreich gefunden hast.

    Die von Dir geschilderte Situation mit Deinem Doktorvater ist leider keine seltene Eskalation von Machtmissbrauch und sexueller Belästigung, indem er zuerst „das Wasser getestet“, bevor er etwas Schlimmeres versucht hat. Es ist natürlich wichtig, dass Du immer „nein“ gesagt hast und seine Absichten abgelehnt hast. Dass er nach dem letzten Vorfall Deinen Dissertationsauszug stark kritisiert hat, obwohl er vorher alles als gut bewertet hat, kenne ich von der Erfahrung mit meinem ehemaligen Doktorvater und kann das sehr gut nachvollziehen. Dein Prof kann Deine Arbeit nicht mehr objektiv bewerten, wenn er schon sexuelle Annäherungen versucht hat. Deswegen finde ich, dass dieses Betreuungsverhältnis nicht mehr zu retten ist und es könnte zu schlimmeren Vorfällen kommen, wenn es weiter geht. Ich glaube nicht, dass ein Gespräch mit Deinem Prof über die vorgefallene Situation Dir helfen wird. Den Fehler habe ich mit meinem ehemaligen Doktorvater gemacht und bereue, so viel Zeit in „Konfliktgesprächen“ verschwendet zu haben, welche zu keinem Ergebnis führen konnten.

    Der Betreuerwechsel – wie Dein Freund Dir rät – wäre aus meiner Sicht eine gute Alternative für Dich. Ich möchte Dich aber davor warnen, dass es möglich ist, dass die anderen Professoren Deine Betreuung nicht übernehmen möchten oder dass sie sich bei Deinem Prof über die Betreuungsprobleme erkundigen. In diesem Fall wird er sicher seine Version erzählen und eventuell schlecht über Dich bzw. Deine Leistungen sprechen. Mit meiner damaligen Zweitgutachterin ist es mir passiert, dass sie meine Betreuung abgelehnt hat, sobald sie vom sexuellen Hintergrund des Problems wusste. Sie sagte, sie wolle Probleme mit meinem Doktorvater vermeiden. Allerdings denke ich, mit den anderen Profesoren über die Betreuungsmöglichkeiten zu sprechen ist ein Versuch wert. Vielleicht hast Du Glück und gerätst an eine Person, die ein fairer Betreuer für Dich sein kann. Wenn keiner der Professoren bereit ist, Deine Diss zu betreuen, kannst Du Dir andere Alternativen überlegen.

    Ich wünsche Dir, dass Du dieses Problem ohne weitere Risiken und Schwierigkeiten lösen kannst. Du solltest keine Angst haben. Das Schlimmste ist nichts zu versuchen, damit die Sachen besser werden. Wir sollten es nicht erlauben, dass die Angst uns hindert, etwas für uns selbst zu machen.

    Alles Gute und liebe Grüße

    Lucrezia

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  9. An die anonyme Leserin:

    Sexuelle Belästigung in Abhängigkeitsverhältnis (wie in Deinem Fall) passiert oft wie von Dir beschrieben - ganz schleichend. Es ist nicht wie bei einer Vergewaltigung durch Fremdtäter, der gleich gewalttätig auf einen herfällt.

    Diese Person (ich würde in dem Falle noch nicht von einem Täter sprechen, denn das fällt noch im Rahmen einer Belästigung, was aber moralisch natürlich auch nicht in Ordnung ist) betreibt eigentlich Machtmissbrauch.

    "Ich kann über Dich verfügen, wie ich will, ich bin stärker und größer als Du", das ist was er Dir zeigen wollte. Er will damit sich selbst bestätigen. Es geht nicht mal primär ums Sex, sondern Sex ist nur Werkzeug.

    Das hast Du ja eigentlich ganz deutlich gemerkt, als Du Dich gegen die sexuelle Beläsitung gewehrt hast. Da er auf Sexebene nicht über Dich verfügen konnte, macht er nun auf akademische Ebene weiter.

    Ich würde also den Zerriss der Arbeit nicht mal als Rache sehen. Sondern er macht einfach weiter, jetzt nur mit einem anderen Werkzeug.

    Blöd nur, das man gegen solche akademische Schikane nicht wirklich wehren kann - das ist die Spezialität der Uni. (Es gibt auch genug Profs, welche zwar keinen sexuellen Machtmissbrauch betreiben, aber akademischen Machtmissbrauch schon - es gibt natürlich auch Profs, welche eher nur sexuellen Machtmissbrauch betreiben und weniger akademischen Machtmissbrauch).

    Deswegen ist ein Betreuerwechsel m.M. nach schon ein richtiger Schritt.

    Ob ein Gespräch mit ihm gewinnbringend ist, kann ich aus der Ferne nicht sagen. Und ob Du lieber sagen solltest: "sexuelle Belästigung" oder "unüberwindbare persönliche Probleme". Also, ob Du lieber die Sache beim Namen nennen sollst oder eher diplomatisch bleiben sollst. Das kannst nur Du entscheiden.

    Gut wäre aber, wenn Du zum Gespräch nicht alleine hingehen musst. Érstens verhält so eine Person meist ganz anders, wenn noch jemand dabei ist - und zweitens hättest Du Zeugen.

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  10. Ich bin sehr dankbar für diese Seite. Ich bin selbst betroffen, es dauerte Jahre. Ich konnte mich nicht wehren, ich war psychisch labil und die betreuende Lehrperson wußte das. Ich habe mich in vielen Punkten, die oben erwähnt sind, wiedergefunden. Ich wurde lange wegen post-traumatischer Belastungsstörungen behandelt, die aus meiner belasteten Kindheit kamen. Kein Therapeut ist auf die Idee gekommen, obwohl sie davon wußten, die Missbruachssituation an der Uni als das zu erkennen, was sie, wie ich heute weiß, war. Man ging damit gemäß der oben beschriebenen Mythen um: sie war doch erwachsen und wußte, was sie tat. War ich nicht. Ich war als Kind missbraucht, deshalb konnte mir das im Erwachsenenalter erneut passieren, ohne dass ich auf die Idee gekommen wäre, dass das eine Wiederholung und nicht in Ordnung war. Ich hoffe, der aktuelle Trend, nämlich sexual harrassment wie in den USA strikt zu verfolgen, hält an und die Gesellschaft merkt, wie schlimm das für die Betroffenen ist und unterstützt die namenlosen Betroffenen gegenüber denen, deren guter Name dabei einen Kratzer bekäme.
    Ich selbst möchte heute nur noch vergessen. Mein Glaube hilft mir, mich im verzeihen zu üben. Es ist auch lange her.

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  11. Ich danke Dir für Deine Worte und die Erfahrung, die Du teilst. Die Gesellschaft hat angefangen zu merken, dass sexueller Missbrauch nicht in Ordnung ist und er schwere Folgen für die Betroffenen hinterlässt. Aber es gibt noch viele Gründe weiter zu kämpfen. Ich bin fassunglos, wenn ich höre, dass in einem Strafverfahren eine frühere Missbrauchserfahrung und psychische Probleme seitens des Opfers entlastend für die Täter sind. So interpretiert man, dass das Problem nicht beim Täter liegt, sondern beim Opfer, weil es keine Grenzen setzen kann. So wird die Realität von vielen Betroffenen zurückgewiesen. Es ist ein Schlag ins Gesicht für uns, dass unsere traumatische Erfahrung zugunsten der Täter benutzt werden.

    Verzeihen ist am schwierigsten, aber vielleicht gehört dies zum Heilungsprozess. Ich bin noch nicht soweit.

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